Singklasse

Schulleben :: Projekte

„Singen ist das Fundament zur Musik in allen Dingen.“
Georg Friedrich Telemann

Seit 2011 wird am Hebelgymnasium der Musikunterricht der Klassenstufen 5 und 6 (nach Wahl auch der Klassenstufe 7) als „Singklasse“ durchgeführt. Alle Musiklehrkräfte am HGL sind speziell für diese Form des Musikunterrichtes fortgebildet, welches vor einigen Jahren von Dr. Ralf Schnitzer aus Heidelberg entwickelt wurde.

 

Mit Birte Niemann arbeitet zudem eine externe Gesangspädagogin mit uns zusammen. In kleinen Gruppen haben Schüler der Singklassen die Möglichkeit, noch intensiver an ihrer Stimme zu arbeiten.

Was bedeutet nun „Singklasse“? Es handelt sich um einen Musikunterricht, in dem das aktive Musizieren stark im Vordergrund steht, wie das auch z.B. in Streicher- oder Bläserklassen der Fall ist. Der Fokus liegt aber nicht auf Instrumenten, sondern auf der Stimme. Vieles spricht dafür, Musiziererfahrungen und Musik-Lernen auf diese Weise zu ermöglichen:
Die Stimme ist ein Instrument, das die Schüler immer dabei haben, das sie nie daheim vergessen und das sie überall üben und ausprobieren können. Zeitverluste durch Auspacken, Aufbauen und Stimmen dieses „Instrumentes“ entstehen keine.

Natürlich wird im Singklassenunterricht auch Musik gehört, werden Notennamen gelernt oder Komponisten vorgestellt – das Singen ist aber möglichst durchgängig der primäre Zugang zur Musik.

„Machen die dann auch irgendwann richtigen Musikunterricht? Musiktheorie und sowas?“

Durch die Methode der relativen Solmisation werden alle auf das Tonsystem bezogenen Elemente der Allgemeinen Musiklehre (Intervalle, Tonleitern, Dreiklänge etc.) handlungsorientiert und nachhaltig verankert.
(Zum besseren Verständnis: Relative Solmisation bedeutet, dass den verschiedenen Tonstufen einer Tonleiter Klangsilben (do-re-mi…) und Handzeichen zugeordnet werden. Die absoluten Notennamen, Vorzeichen etc. werden erst später gelernt, wenn musikalische Grundkompetenzen aufgebaut worden sind.) Das Konzept folgt der musikpädagogischen Grundregel „Können vor Kennen“ bzw. „Sound before sign“.

Die Fähigkeit, sich sicher im Tonraum zu bewegen und sich eine Melodie vorstellen zu können, fördert natürlich auch Kinder, die ohnehin ein Instrument lernen, in ihrer musikalischen Entwicklung. Genauso aber – und das ist uns wichtig – können Kinder, die kein Instrument spielen, übers Singen grundlegende musikalische Erfahrungen machen. „Inneres Singen“, also die Fähigkeit zur mentalen Repräsentation von Klängen, ist vergleichbar mit der sprachlichen Fähigkeit, Wörter und Sätze zu bilden.
So erwerben sich die Schüler eine Art musikalischer „Grundgrammatik“ oder auch „Tastatur im Kopf“, die sie beim Musizieren, Hören und Verstehen von Musik immer „dabei haben“. Dadurch werden gleichzeitig Grundlagen zur Analyse von Musik in Mittel- und Oberstufe gelegt.

Ganz wichtig ist außerdem der Aufbau eines vielfältigen Liedrepertoires vom Volkslied bis zum Popsong als Bestandteil des Singklassenunterrichtes.

„Müssen die dann allein vorsingen? Das hab ich immer gehasst in Musik! Die Armen!“

Durch regelmäßiges Singen in jeder Musikstunde entwickeln die Kinder ein Gefühl für ihre Stimme, die ein wichtiger Teil ihrer Persönlichkeit ist. Außerdem bauen sie eine ganz andere Beziehung zu ihrem Körper auf. Es wird dann ganz normal, dass im Fach Musik/Singklasse alle Kinder immer wieder auch alleine singen. So wie es in anderem Unterricht kürzere und längere Wortbeiträge gibt, so gibt es in Musik eben Singbeiträge.

Um in und vor allem vor der Gruppe zu singen, muss man sich konzentrieren, muss den anderen zuhören, man braucht Mut, sich selbst zu präsentieren, gleichzeitig aber auch Respekt vor dem Mut der anderen  - alle dürfen sich trauen, keiner wird ausgelacht.

So wird in den Singklassen nicht nur an der eigenen musikalischen Fähigkeit gearbeitet, sondern auch an einem Klima, in dem es jeder wagen kann, im wahrsten Sinne des Wortes „den Mund aufzumachen“. Dass die Atmosphäre von den Kindern als sehr angenehm empfunden wird, zeigen die Evaluationen aus den letzten Schuljahren.

„Schreiben Sie auch was auf mit denen? Wie bekommen die denn überhaupt Zensuren?“

Musikalische Grundbegriffe werden in einem „Lexikon“ notiert, das alle SchülerInnen in Klasse 5 beginnen und das sie bis einschließlich Klasse 7 begleitet.

Dazu werden Notenschrift, Rhythmussprache etc. immer wieder auch schriftlich geübt und mit kleinen Tests abgefragt. Ab dem 6. Schuljahr arbeiten wir mit Ralf Schnitzers Workbook „Singen ist klasse“.

Dass dennoch das Praktische höher gewichtet wird (60:40), bildet nach unserer Auffassung das Unterrichtsgeschehen gut ab.

„Kann ich die auch mal irgendwo singen hören?“

Quasi als dritte Musikstunde in Klasse 7 gibt es am Hebelgymnasium einen Chor, der für diejenigen, die hier die Singklasse fortsetzen wollen, verpflichtend, aber auch offen für interessierte Fünft- und SechstklässlerInnen ist. Die Musik, die in den Singklassen und im daran gekoppelten Chor erarbeitet wird, soll natürlich auch von anderen gehört werden. Bei Klassenfesten, Schulveranstaltungen oder anderen Gelegenheiten dürfen sich die Singklassen daher regelmäßig präsentieren – so haben die Schüler immer wieder Ziele vor Augen, auf die sie hinarbeiten können. Hier können sie ihren Eltern, Geschwistern und Freunden mit Freude und Stolz zeigen, was sie im Unterricht gelernt haben.

„Aber mein Kind kann gar nicht singen!“

Doch! Bei manchen dauert es ein bisschen, bis Stimme und Gehör in Einklang sind. Aber diese Kinder bekommen die Zeit, die sie brauchen.